Die Fahrt

Die Fahrt war unspektakulär. Carina lenkte ruhig durch die dunklen Straßen, so, wie sie es immer tat, wenn jemand neben ihr saß. Nora hatte das Fenster einen Spalt geöffnet, ließ die kühle Luft herein und erzählte beiläufig von Arbeit und Kleinigkeiten, die keine Ansprüche stellten.

„Ich dachte ehrlich gesagt, du hättest mehr getrunken“, meinte sie irgendwann.
Carina lächelte. „Siehst du? Alles gut.“

Doch kurz vor Noras Haus trat Carina abrupt auf die Bremse. Für einen Moment hing Stille zwischen ihnen.

„War unnötig“, murmelte Nora.

„War nichts. Der vor mir hat gepennt.“

Nora wollte, dass Carina bei ihr bleibt, doch Carina winkte ab. „Die paar Meter schaffe ich.“
Die Tür fiel noch nicht ganz ins Schloss, da gab Carina Gas und verschwand in der Nacht.

Allein im Wagen fühlte sich alles anders an. Ein dumpfes Geräusch – sie zuckte zusammen.
„Autsch… Sorry.“

Ein schief stehender Müllcontainer, ein Kratzen, ein Scheppern.
„Jetzt liegst du halt“, murmelte sie und fuhr weiter.

Der Brunnen zu Hause plätscherte ruhig. Carina setzte sich auf den Steinrand, lauschte dem Wasser – dem einzigen Geräusch hier, das nichts von ihr wollte. Ihre Gedanken wanderten zu alten Enttäuschungen, zu Menschen, die gekommen und gegangen waren, und zu Romeo, der sie aufgefangen hatte, ohne Worte, ohne Lärm.

Schließlich stand sie auf, strich über den kühlen Stein und ging ins Haus. Alles war ordentlich. Zu ordentlich. Drinnen war nichts von ihr – nur der Geruch von Parfum und poliertem Stein.
Sie fiel ins Bett. Der Schlaf kam schnell und unruhig.


Der Morgen danach

Carina erwachte spät. Das Haus war wach – aber anders. Zu still, zu kontrolliert.
Eine Nachricht von Romeo: Carina, bitte komm nach unten.

Unten saßen ihre Eltern wie zwei Figuren in einem Theaterstück, das sie längst nicht mehr verstand. Zwischen ihnen zwei Polizisten.

„Frau Schuldig“, begann einer, „gegen Sie wurde Anzeige erstattet.“

Carina zog eine Augenbraue hoch. „Nur weil ich Schuldig heiße, heißt das nicht automatisch, dass ich es auch bin.“

Es folgte eine Szene, wie sie die Familie Schuldig meisterlich beherrschte: alles leise, alles bedeckt, und doch scharf wie Glas.

Später, im Wohnzimmer, kam es zum Bruch.

„Du wirst bald dreißig“, sagte Margo mit unerschütterlicher Ruhe.
„Und bis dahin wirst du dein Leben ordnen. Verlobt. Oder verheiratet. Mit jemandem, der Verantwortung tragen kann.“

Carina lachte trocken. „Ihr blufft.“

„Wir meinen es ernst“, sagte Hubert.

Und sie meinten es.

Carina verließ den Raum mit erhobenem Kopf – doch innerlich brannte sie.

Im Flur begegnete sie Romeo.
„Wenn du jetzt etwas Vernünftiges sagst“, warnte sie, „explodiere ich.“

„Dann sag ich nichts Vernünftiges.“

Sie lachte bitter. „Wenn sie glauben, mich mit so einem Ultimatum zu kriegen… Dann heirate ich eben den erstbesten Verwahrlosten von der Straße.“

Romeo lächelte schwach. „Unkonventionell wäre es.“

„Konsequent wäre es“, murmelte sie – und ahnte nicht, wie nah dieser Satz der Wahrheit war.


Vor dem Café

Der Morgen war klar, der Park nahezu leer. Carina ging langsam, spürte die Schwere des Gesprächs in den Schultern.

Vor dem Café stand ein Mann.

Hochgewachsen, aber zusammengesunken. Kleidung abgetragen. Bart verwildert. Haut sonnengegerbt.
Ein Schild in der Hand:

„Haben Hunger und brauchen kein Mitleid. Nur eine kleine Spende für meine Familie.“

Carina blieb kurz stehen.
„Kreativ“, murmelte sie. „Damit kommt man bestimmt weiter.“

Er hob den Kopf, sah sie an – ein Blick ohne Vorwurf, ohne Bitte.
Nur müde.

Sie ging ins Café.

Doch ihr Blick wanderte immer wieder nach draußen, dorthin, wo dieser Fremde stand, als gehöre er nicht in diese Welt und gleichzeitig doch mitten hinein.

Dann trat er ein.
Schüttete seine Münzen und Scheine auf den Tresen, bekam eine Tüte, verließ das Café wieder – ruhig, selbstverständlich, ohne Scham.

Carina folgte ihm, unbewusst, Schritt für Schritt.
Bis ihr Fuß knickte und der Schmerz sie stoppte.

Als sie wieder aufsah, war er verschwunden.

Der Platz, an dem er eben noch gestanden hatte, war leer – so leer, dass Carina sich fragte, ob sie ihn vielleicht eingebildet hatte.

Doch etwas in ihr wusste:

Dies war der Moment, an dem alles begann.

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